Was uns bewegt - Schönberger Musiksommer; Foto: Heiko Preller

Menschen, Musik und Begegnungen


Alles Wandel - Betrachtungen zum Wandelkonzert

Wandel lernen

Wir kennen Wandel. In Sprichworten. Handel ist Wandel. Nichts ist so beständig wie der Wandel.
Wir beobachten den Wandel. In der Natur. Die Jahreszeiten wechseln alle drei Monate. Ein bunter Schmetterling war vorher eine unscheinbare Raupe. Das hässliche Entlein wurde ein stolzer Schwan.

Wandel, Veränderung oder auch neudeutsch Change. Heute wird Veränderung zuerst gemanagt. Da gibt es Prozesse, Verfahren, Vorgehensmodelle. Permanente Veränderung ist gut, sagt die Managementliteratur.
Doch Wandel und Veränderung macht uns auch Angst. Was wird kommen? Wo werden wir hingehen? Was werden wir erleben? Kommen wir dann noch zurecht, wenn die neuen Zeiten, Verhältnisse und Umstände da sind?

Am ehesten gelingt das, wenn wir für uns selber in Bewegung bleiben, uns auf Neues einlassen, ab und zu mal was Anderes probieren als sonst.
Einen anderen Weg zur Arbeit fahren. Ein neues Rezept beim Kochen ausprobieren. Beim Einkaufen einen anderen Weg durch den Supermarkt gehen.
Wir können wandeln lernen. Wandeln lernen mit allen Sinnen. Dafür steht das Wandelkonzert des Schönberger Musiksommers. Es wandelt sich die Musik, von Bach bis zur Moderne. Es wandeln sich die Orte, vom offenen Altarraum bis zum intimen Platz unter der Empore. Es wandeln sich Musiker, von solistisch bis orchestral. Und wir wandeln mit, verändern unseren Platz, von dem wir das Geschehen beobachten. Verändern die Entfernung, sind ganz nah dran am Geschehen oder weit entfernt.

Üben wir uns – im Wandel – mit allen Sinnen. 

Über die Clavierübungen von J.S. Bach

 

2017 – Reformationsjubiläum. Man bekommt den Eindruck: Alles sei gesagt. Doch es gibt noch immer etwas dazu zu sagen. Auch zu Bachs Lebzeiten war die Reformation Geschichte, der große Krieg lag zwischen dieser und der damaligen Gegenwart, die durch ihn verhärteten Fronten wurden erst jetzt langsam wieder durchdringlicher. Die Welt wurde wieder bunter. Grund genug, sich umso fester zu positionieren? Bachs Epoche rang in gleich mehreren Strömungen um das Erbe der Reformation. Einem Komponist, der sich in mehreren Stilen zuhause fühlte, mehr noch: der sie zu einem neuen, aus heutiger Sicht äußerst originären Zuhause fügte („fugte“?), kann man zutrauen, auch auf anderen geistigen Ebenen zur Synthese fähig gewesen zu sein. Das Enzyklopädische in seinem Schaffen fällt ebenso ins Auge wie der Ausdruck einer intimen Frömmigkeit. Und Luther? Bachs gründliche (lutherisch-)theologische Kenntnisse sind uns bekannt, sie erscheinen bei ihm so geläufig wie seine Kompositionstechnik. Kein Wunder, dass aus einer reinen Darstellung dieser eine Interpretation wird, ein Weg zu neuen Erkenntnissen und deren Ausdruck. Das Ergebnis ist dann aber doch ein Wunder, wie wir an Bachs Werken erleben können! Es ist eine andere Qualität, wenn die Sprachen der Erkenntnisse und der Emotionen musikalisch so übersetzt werden, wie es bei Bach geschieht. Die Verbindung von Text und Musik wiederum erzeugt mehr als nur die Summe aus beiden, was Luther schon wusste. Es ist anregend, in die Tiefen der Details sich zu versenken oder insgesamt den geistigen Höhen nachzustreben – je nach dem und beides. Auf allen Stufen können wir Möglichkeiten finden, eigene Erfahrungen (intellektuelle wie emotionale) mit dem Kunstwerk zu verbinden. Nur ein paar Stichworte: Formenvielfalt, Stile, Textausdeutung, Affekt, Motiv, Symbol, Zahlen, Tonartenbeziehungen, c.-f.-Lage, Augenmusik, Proportion, Technik, Logik usw. und natürlich all deren Kombinationen..., und dann der Umgang sowohl mit Freiheit als auch (selbstgewählter) Beschränkung. Ist das alles so „gewollt“?

Für mich ist es das Ergebnis einer besonderen Art von Perfektion. Nichts daran ist „zufällig“ und ebenso wenig bloßes Mittel eines menschlichen Willens; Können ist kein Selbstzweck und muss dennoch nicht gerechtfertigt werden. Ursachen und Wirkungen lassen sich nicht unterscheiden, alles ist „organisch“, vielleicht sogar „spielerisch“ im ernsten Sinne. Auch wenn wir vielleicht noch manchem Geheimnis auf die Spur kommen sollten: den Schaffensprozess Bachs werden wir wohl nie ergründen!

Nun „zwingt“ uns also Bach zu Luther. Oder zwingt uns das Reformationsjubiläum zu Bach? Durch Bach haben wir mehr von Luther. In dem wir seinen Umgang mit dem Erbe zu verstehen suchen, erkennen wir die eigenen Möglichkeiten. Man kann natürlich auch einfach die Musik hören.

Was sagt uns Bach mit dem dritten Teil der Clavierübungen?

Anders als bei der „Kunst der Fuge“ oder dem „Musikalischen Opfer“ scheint auf den ersten Blick die Anordnung und Reihenfolge der Stücke im III. Teil der Clavier-Übung klar zu sein. Es gibt eine vom Komponisten autorisierte Druckfassung. Das so entstandene Kunstbuch kann man von vorn bis hinten vortragen; so geschehen anlässlich der Wiedereinweihung der restaurierten Winzer-Orgel der Schönberger St.-Laurentius-Kirche anno 2008.

Praeludium und Fuge Es-Dur umrahmen das gesamte Werk, das zunächst Choralbearbeitungen zur Lutherischen Messe enthält sowie zu den Lutherliedern mit katechetischem Inhalt paarweise jeweils eine für große Orgel und eine auf einem einmanualigen Instrument darstellbare Version bereithält. Dazu kommen vier nichtchoralgebundene Duette.

Schon diese Aufzählung, quasi der zweite Blick, zeigt auf, dass es doch Fragen zum Thema Anordnung und Reihenfolge, gar der Besetzung geben könnte, und mit ihnen die Frage nach der Konsequenz für die Praxis. Der Interpret, der die Idee reizvoll findet, den III. Teil der Clavierübung an drei Abenden aufzuführen, antwortet dann: „Kommt drauf an...“

Johann Sebastian Bach war in der theologischen Welt Luthers mehr als zuhause. Seine Musik illustriert diese nicht nur, sondern legt sie aus. Glaubenserfahrung und Gelehrsamkeit reichen sich hierbei die Hand. Der Titel des neben den sogenannten Schübler-Chorälen einzigen von Bach veröffentlichen Orgelwerks verrät einiges darüber:

„Dritter Theil“ – Das Werk sieht Bach im Zusammenhang mit anderen. Es hat einen genauen Ort und seine Zeit und ist nur ein Teil eines Ganzen und steht dabei (stellvertretend) doch für das Ganze.

„Clavier“ – Der Hinweis auf das Instrument, das notwendigerweise Medium der (immateriellen) Gedanken wird, sie hör- und fassbar macht.

„Übung“ – Hinweis auf das Gegenwärtige, den Stand der Dinge; keine Übung ist je definitiv „beendet“, mithin gegenüber dem materiellen Instrument die Rückbesinnung oder Ausdruck des Bewusstseins einer geistigen / geistlichen / spirituellen Ebene („Exerzitium“) als Ursprung.

 „bestehend in“ – also nicht „aus“! Das Eigentliche ist darin enthalten, vielleicht versteckt oder verborgen, es ist nicht die Sache selbst, sondern wird in ihnen / mit ihnen vermittelt.

„verschiedenen“ – Vielfalt an Ausdrucksmitteln und kompositorischen Techniken, Gattungen, Stimmenanzahl, Tonarten, Längen und Dauern, Schwierigkeiten, Stilen...

„Vorspielen“ – ein Spiel vor und mit anderen oder einleitend „bevor“ etwas geschieht oder quasi erzählend über schon Geschehenes oder als Vorbild zum „Nachspielen“, zum womöglich gegenseitigen Vorstellen, Ermunterung zur Beschäftigung.

„über die“ – nicht „für die“ oder „zu den“!, sondern deren Kenntnis vorausgesetzt diese betrachtend, auslegend

„Catechismus- und andere Gesänge“ – einerseits die (lutherische) Lehre enthaltende (bekennende) und andererseits religiöse, d.h. anbetende Lieder für den öffentlichen Gottesdienst und die private Andacht und Frömmigkeit.

„vor die Orgel“ – das Instrument im Dienste des Gesanges, ein vom Gesang aus gedachter Gebrauch des höchst technisierten Instrumentes, das (je nach Größe) repräsentieren kann und doch zur Innigkeit fähig ist.

„denen Liebhabern“ – Leute, die es mögen und einen emotionalen Zugang dazu pflegen, gewohnt sind, sich mit Leidenschaft zu nähern, oder sich einfach einlassen wollen. Doch nicht nur diesen, sondern:

„und besonders denen Kennern“ – auch für diese sicher auch von Bach als kleinere, doch wichtige Gruppe erachtet,

„von dergleichen Arbeit“ – Vorbildung also in nicht nur musikalischen Disziplinen vorausgesetzt, außerdem die Einreihung und Gegenüberstellung mit Werken der Vergangenheit (und Zukunft?)

„zur Gemüths Ergezung“ – das Wort „Übung“ aus der Überschrift wird hier vertieft ausgeführt und dessen Sinn erhellt,

„verfertigt“ – das Wort liest sich so, als sei alles zuvor schon dagewesen, als musste dies nur noch „ausgefertigt“, bestätigt, auf den Stand gebracht, in die Zeit geholt, ein (Doppel-)Punkt dahinter gemacht werden.

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