Erinnerungen an Georg Christoph Biller (*20.09.1955 - +27.01.2022)

Am heutigen Morgen erhielten wir die traurige Nachricht vom Ableben unseres verehrten Schirmherren, des früheren Leipziger Thomaskantors Prof. Georg Christoph Biller. Wir wollen seiner gedenken.

Sein Weg kreuzte vielerlei andere Lebenswege. In dem wir davon erzählen, zeigen wir seine tiefen Spuren, die mehr oder weniger bemerkt auch auf lange Zeit hin noch ihre orientierende Wirkung entfalten werden. Exemplarisch und durch die Brille nur eines von vielen Weggefährten sei an die späten 80er Jahre erinnert. Haltung war und ist immer gefragt. Von Georg Christoph Biller konnte man dies lernen.

Erinnerungen an Georg Christoph Biller – aufgezeichnet im Oktober 2020 von Christoph D. Minke

Christoph war längst ein gern gesehener und gehörter Solist in der Greifswalder Bachwoche. Mir selbst war Greifswald schon vor meinem dortigen Kirchenmusikstudium lieb geworden, denn meine ältere Schwester Anne Dorothea hatte bereits vor mir dort studiert. Auf mich als nicht-FDJler und nicht-jugendgeweihter, abiturloser Pfarrerssohn wirkte das durchaus anstrengende Kirchenmusikstudium wie eine kirchliche Jugendfreizeit, und so drängte es den durch Chorgesang und Orgelspiel musikinfizierten Jugendlichen in das norddeutsche Zentrum evangelischer Kirchenmusik. Gleichgesinnte waren dort zu erwarten, möglicherweise Freundinnen und Freunde fürs Leben, Vorbilder zu erleben, Horizonte zu erweitern, die Ziele evt. weiter zu stecken, als dies vorher vorstellbar war.

Christoph ist 10 Jahre älter als ich, das heißt: damals waren wir beide noch ziemlich jung... Es war eh im Wesen der Greifswalder Bachwoche begründet, dass Solist*innen, Orchestermusiker*innen, Choristi, Scholaren und Besucher*innen sich vorbehaltlos fraternisierten. Klassenlose Gesellschaft! Als ortsansässige und mittlerweile „eingeführte“ Studiosi hatten wir zudem freien Zugang zu den ohnehin raren, in diesem Fall sogar kultigen Kneipenplätzen. Nach vorsichtiger Annäherung an den „Herrn Biller“ und einen schnellen Übergang zum kollegialen „Du“ konnte nicht nur gefachsimpelt werden, der Grenzbereich zum Privaten wurde beschritten durch das Wiedergeben verschiedenster Anekdoten und Erlebnisse.

Jugend wohnt in der Regel (und berechtigt!) eine gewisse Grund-anti-Haltung inne. Kaum der kommunistischen Schule entronnen, galt es nun, in den kirchlichen Strukturen ordentlich Opposition einzunehmen. Also war alles allzu Christliche und Frömmelnde suspekt. Christoph Biller erzählte, dass er vor den Konzerten mit dem Leipziger Vokalkreis stets noch ein Gebet sprach oder sprechen ließ. Einwurf eines Kommilitonen: „Ich wusste gar nicht, dass du so eine fromme Sau bist!“

Das genau ist die Spannung. Das war die Frage. Wie ist Haltung, Wahrhaftigkeit, Lebensbejahung, innere Unabhängigkeit, Arbeitsethos, künstlerischer Anspruch, lustvolle Offenheit in Einklang zu bringen? Und das unter den engen DDR-Bedingungen, die doch auch auf die eigentlich auf die Ewigkeit ausgerichtete Kirche abfärbten?

Wir jungen Leute haben nach einer Antwort gesucht und wollten sie von den (etwas) älteren wissen. Regelrecht formuliert haben wir das indes nicht. Freilich, Manfred Schlenker war von Anfang an ein großes Vorbild, denn seine Biografie beeindruckte, der wandelnde Trotz gegenüber widrigen Verhältnissen. Die Generation Biller war wiederum in Erfahrungen und Werdegang uns ähnlicher. Und so erdreisteten wir uns, in diese Richtung auch Ratschläge zu erteilen.

Das letzte Konzert der Bachwoche – Bachwochenorchester und Domchor nochmals vereint, die Nachfeier bis zum Morgengrauen, die Verabredung, den beginnenden Tag ebenfalls gemeinsam zu verbringen. Auf der fröhlichen Tour daraufhin die Offenbarung: Christoph möchte gern Thomaskantor werden!

Lange vor Helmut Kohls 10-Punkte-Plan entstand so UNSER 10-Punkte-Plan, der die Voraussetzungen für das Ziel benannte, u.a. ein temporärer Weggang von Leipzig, das Erringen eines Professorentitels, das Fernhalten von bösen Buben sowie eine Heirat. Auch wenn nicht alle Punkte erfüllt wurden (wie später auch bei Helmut Kohl), so ist das Ziel doch schließlich erreicht worden...

Unser Weg damals vom Biergarten in Ludwigsburg führte uns in das nächste Etablissement, nur war Musik wieder Thema, und Brahms Requiem wurde diskutiert. Der Wirt, misstrauisch und bräsig, rügte vom fernen Tresen den nur zurückhaltenden Gesang von Christoph, der etwas zu erläutern suchte. Tja, wo kämen wir denn hin, wenn wir in Kneipen sängen?! Oben bereits erwähnter Kommilitone schnodderte dem Wirt entgegen: „Wenn DER hier ERNSTHAFT singen würde, dann könnten Sie das nicht einmal bezahlen!“

War es nach dieser Tour oder nach einer anderen? Jedenfalls stand eine Verlängerung an – nach der Aufführung des „Paulus“ von Mendelssohn zum Abschluss der Greifswalder Bachwoche ging die gesamte Produktion anlässlich des Stadtjubiläums von Grimmen auf Bestellung des dortigen Rates der Stadt dorthin auf die Reise. Christoph engagiert als Saulus/Paulus, wir alle etwas ermüdet vom Vorabend und den folgenden Erlebnissen, doch motiviert, diese wunderbare Musik noch einmal zu verwirklichen. Saulus war noch nicht zum Paulus geworden, da ereilte unseren Dirigenten Manfred Schlenker ein Herzinfarkt. In Damaskus war Schluss. Kurze Beratung: Schlenker, Däunert (der Konzertmeister), Biller ... „Mache dich auf, werde Licht“, und das in der Unsicherheit des gesamten Ensembles, ein schwerer Schweißausbruch unseres neuen Dirigenten Christoph Biller, der sämtliche Flüssigkeiten des Tages innerhalb weniger Minuten loswurde, der Saulus unterdessen zum Paulus, der weiterhin von Christoph gegeben wurde.

Den „Paulus“ vom Blatt dirigieren – das muss man erstmal hinkriegen...

Während des Kirchenmusikstudiums hatte ich, der ich „von der Orgel“ kam, Gefallen am Dirigieren gefunden. Außer Bach und Schütz und Distler wurde auch die Oper interessant, stilistische Offenheit in unserer Ausbildung führte durchaus zu „Fremdgängen“. Lange hatten wir unterhalb der offiziellen Linie unsere Kontakte geknüpft in die sog. Erweiterte Oberschule, in die Musikschule, in das Theater. Was für eine Entdeckung: überall gab es – neben anderen – Gleichgesinnte!

Nun wollte ich Kapellmeister studieren. Meine erste Bewerbung scheiterte. Christoph suchte nach einem Assistenten. Gleichzeitig war diese Assistenz gedacht als Förderung für den Assistenten. Keineswegs war ich die einzige Person, die für ein solches Ziel in Frage kam. Doch letztlich fiel die Wahl auf mich. Christoph lud mich ein, nach Leipzig zu kommen, um am Gewandhaus in die dortige Chorarbeit einzutauchen. Was für ein Traum! Es war ein überaus großer Vertrauensbeweis. Nicht nur in künstlerischer Hinsicht, es gab zu damaligen Zeiten so viel zu bedenken. Ich hatte keine Wohnung in Leipzig, eine Anstellung in einer benachbarten Kirchgemeinde, was mir u.U. hätte ein Wohnrecht verschaffen können, scheiterte nach kurzer Zeit. So „hauste“ ich mit in Christophs Wohnung in der Stralsunder Straße, die offensichtlich bereits traditionell „verwanzt“ war. Kam Christoph – wann auch immer – nach Hause, klingelte kurz darauf stets das Telefon, und auf die Meldung „Hier ist Biller“ wurde ebenso stets aufgelegt.

An meinem ersten Abend dort beschäftigte sich Christoph mit einigen Partituren. Ich habe das Bild vor Augen, wie er bei solcher Tätigkeit einfach irgendwo saß, die Noten nahm, dies und jenes durchaus heftig umkreiste und eintrug, und, ohne einen Ton am Klavier oder so (ohnehin undenkbar in der Plattenbauwohnung!) gespielt zu haben, wurde das jeweilige Werk nur im Geiste durchgearbeitet. Heute ging es um ein Programm in weiter Ferne, das Reger-Requiem, zuvor schon von Biller quasi wiederentdeckt, sollte aufgeführt werden. Es ist ein Fragment, sogar die Vortragszeichen fehlen in den bereits aufgezeichneten Noten. Was aber dazu ins Programm nehmen? Christoph beschäftigte sich mit Haydns 49. Symphonie, und dann kam die Idee „Abend der Fragmente“, und es wurde dann ein Programm aus Bruckners IX. Symphonie, die ebenso ein Fragment ist und oft aus einem chorsinfonischen Bedürfnis durch sein Te Deum ergänzt wird; doch hier wurde einfach nach dem dritten Satz die Konzertpause gesetzt, um danach chorsinfonisch das Requiem von Reger erklingen zu lassen. Beide Stücke sind sehr laut. Meines Wissens hat über Jahre das Reger-Requiem den Dezibel-Rekord im Gewandhaus gehalten. Auch Bruckner ist für seine opulenten Blechbläserbesetzungen bekannt: 2 Trompeten, 3 Posaunen, 4 Hörner und eine Tuba... Die Mauern fielen wie in Jericho. Das Konzert fand am 9. November 1989 statt.

Eine Nacht vor dem Fernseher. Leipzig freute sich über Reisefreiheit. Christoph ahnte jedoch sofort, dass dies eine größere Dimension hatte. Von nur wenigen Leuten bemerkt, hatte er schon lange Zeit an seinem Auto einen ovalen blauen Aufkleber mit „Eu“ in der Mitte und goldenen Sternen drum herum.

Zur zweiten Aufführung am Abend des 10. November waren übrigens alle pflichtbewusst wieder da.

Wenn man zusammen in einer kleinen Wohnung wohnt, dann bleibt so gut wie nichts voreinander verborgen. Über das Vertrauen von Christoph konnte ich nur staunen. War dies begründet durch seine Zeit als Thomaner? Und wie ist das dann mit der wirklichen menschlichen Nähe?

Als ich endlich meine zweite Chance bekam für das Kapellmeisterstudium, ließ Christoph es sich nicht nehmen, mich zur Aufnahmeprüfung nach Weimar zu begleiten. Noch im Auto – er fuhr damals einen Wartburg Tourist – trainierten wir Präsenz. Beim Fahren beobachtete er im Rückspiegel meine entsprechenden Anstrengungen. Es hat dann auch geklappt. Und dennoch: ich hatte in Weimar einen sehr guten Lehrer für mein Hauptfach; das Pendel zwischen Leipzig und Weimar schlug immer mehr wieder zugunsten Leipzig aus.

So blieb es bis 1990. 10-Punkte-Plan, s.o.: Christoph wurde Professor in Detmold, ich suchte mir dann lieber einen vom Gewandhaus unabhängigen Job. Christoph machte mir in diesem Zusammenhang etwas über mich bewusst. Er meinte, ich sei genügsam: würde ich mich irgendwo bewerben, und werde ich dann nicht genommen, dann nähme ich das nicht so schwer und würde mich halt woanders bewerben, und dann freuen, wenn es dann endlich klappte. Dabei sei es egal ob es die Dirigentenstelle an einem renommierten Rundfunkchor wäre oder eben eine kleine Kantorenstelle.

Ich wurde auf einer 2/3-Stelle Kantor in Schönberg, einer kleinen Stadt in Mecklenburg, die bis zur Maueröffnung hart am Rande gelegen hatte. Aus dem Studium folgt das Studio. Einer meiner ersten Besucher war: Georg Christoph Biller! Ich konnte noch nicht viel vorweisen, doch zu dem geplanten Orgelprogramm zu Silvester machte er mir Mut. Es sei so wichtig, gerade an den kleineren Orten für die Hochkultur, für „Bach & Co.“ einzustehen. Und es ginge ja auch, in fast jeder Dorfkirche steht eine Orgel. Kein Mensch nirgends muss sich mit Minderwertigem abspeisen lassen.

Ich bin jetzt 30 Jahre in Schönberg. Für unseren Schönberger Musiksommer war als künstlerischen Gewährsmann Thomaskantor Prof. Georg Christoph Biller schnell gewonnen. Er schrieb Grußworte für uns in alle Richtungen, hatte dabei immer schnell „auf dem Schirm“, was eine Programmfolge bedeutete, und konnte dies auf seine unnachahmliche Weise transportieren. Einige Male war er trotz angespanntestem Terminkalender zu Besuch, angemeldet oder auch spontan. Unvergesslich der Abend mit dem Thomanerchor – so voll war die durchaus nicht kleine Kirche nur 1989... Ein von ihm konzipiertes Programm mit Werken von Reger, Bach und Schlenker konnte er dann leider nicht, wie vorgesehen, selbst dirigieren. Und doch schließt sich da auch ein innerer Kreis. Denn mit Schlenker fing einst alles an. Und Bach – es waren die Goldberg-Variationen, gespielt von einem Marimba-Duo – haben wir dann ein andermal wieder gemeinsam gehört.

Nachsatz 28. Januar 2022

Wir sind traurig; Georg Christoph Biller hat nicht einmal das biblische Alter erreicht. Wir sind dankbar; er hat so viel hinterlassen. Dieser Reichtum macht uns die Lücke erst bewusst.

Christoph an unserer Seite zu wissen, hat uns Mut gemacht. Wir hoffen, dieser Mut möge auch weiterhin tragen. Wir wollen die ernsten und heiteren Geschichten um Georg Christoph Biller weitererzählen; sie zeugen von einer Lebendigkeit, die niemals stirbt.

Christoph D. Minke, KMD in Schönberg (Mecklenburg) und Intendant des Schönberger Musiksommers

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