Wir trauern um Richard von Weizsäcker. Mit ihm verlieren wir einen verständnisvollen Fürsprecher, der selbst der Musik in besonderer Weise zugetan war und sie gern und gekonnt praktizierte. Seine Präsidentschaft bei Beginn der neuen deutschen Einheit war ein Glücksfall. Mit ihm brauchte niemand im Osten zu fremdeln. So fügte sich seine Patenschaft über den Schönberger Musiksommer harmonsich in das Bild, das durch eine inzwischen vielzitierte Anekdote aus den Tagen des Mauerfalls in Berlin schon erkennbar wurde. Er erzählte:
 
„Nach dem Gottesdienst ging ich zum Potsdamer Platz in der Stadtmitte, wo soeben ein Grenzübergang eröffnet worden war. Von seiner Westseite aus überquerte ich allein die menschenleere, unbebaute große Fläche des Platzes in Richtung auf die Baracke der Grenzpolizei am Ostrand.

Es war zu sehen, dass man mich durch Ferngläser beäugte. Als ich bis auf einige Meter herangekommen war, öffnete sich die Tür. Heraus trat ein Oberstleutnant, ging auf mich zu, machte eine Ehrenbezeugung, wie ich sie selbst als Potsdamer Rekrut vor dem Krieg nie korrekter gelernt hatte, und sagte: ‚Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.’ Wir gaben uns die Hand. Das war für mich ein unvorstellbarer persönlicher Vollzug der deutschen Vereinigung.“

Richard von Weizsäckers berühmte Worte vom 8. Mai 1985 waren uns eine große Hilfe; das erste Mal sogleich, als sie gesprochen wurden und sich so angenehm abhoben von erstarrten Ritualen im Westen und der Selbstbeweihräucherung im Osten. Später von Mal zu Mal immer wieder, vor allem, als es in Schönberg darum ging, gegen Neo-Nazismus öffentlich Stellung zu beziehen.

Bei aller Trauer überwiegt die Dankbarkeit für sein Leben, Reden und Tun sowohl in den ganz großen Zusammenhängen als auch für unsere vergleichsweise kleinen Belange in Sachen "Schönberger Musiksommer".

Unsere Gedanken sind bei seiner Frau Marianne. Sie möge Trost erfahren. 

Christoph D. Minke, künstl. Leiter des Schönberger Musiksommers
Jochen Schmachtel, Pastor der Kirchengemeinde Schönberg
Karsten Lessing, Organistator und Geschäftsführer des Stiftungsfonds Schönberger Musiksommer

 

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