Was uns bewegt - Schönberger Musiksommer; Foto: Heiko Preller

Menschen, Musik und Begegnungen


Mein Weihnachtsoratorium - Gedanken einer Chorsängerin

Jedes Jahr um Weihnachten herum kann man, egal wo man sich gerade in Deutschland befindet, eine Aufführung des Weihnachts-oratoriums finden. Bach hatte dieses Werk für die Leipziger Weihnachtsmesse 1734 geschrieben – das ist immerhin 280 Jahre her und seitdem ist wahrlich viel passiert. Die Welt hat sich verändert, der Mensch hat sich verändert, das Weihnachtsoratorium nicht. Wie man sich das bei allen alten Traditionen, Bräuchen oder Angewohnheiten fragen kann, so kann man das auch bei Bachs wohl bekanntesten Werk:
Passt die Musik, passt der Text, passt die Aussage noch in unsere technisierte und hektische Welt? Muss man irgendwann auch die Musik an das Weltgeschehen anpassen? Können wir nach all den Jahren, nach den jährlichen Wiederholungen noch etwas mit der Geschichte anfangen? Vor allem: Kann man einen jungen Menschen damit erreichen oder wird nur eine ältere Generation angesprochen, die noch mit anderen Werten aufgewachsen ist? 

Der ein oder andere wird diese Fragen bestimmt mit Nein beantworten. Aber wenn man sich weiter damit beschäftigt, sich Gedanken über die Aussage und die Musik macht, dann wird man (hoffentlich) zu einem anderen Entschluss kommen. Denn auch wenn Bach sein Weihnachtsoratorium mit biblischen Texten ausgestattet hat, wenn es ganz klar um eine christliche Geschichte geht, so ist doch jedem Einzelnen freigestellt, was er damit anfängt. Ich denke, dass der Großteil der Menschheit weiß, um was es an Weihnachten geht, somit steht der erzählende Teil des Musikstückes vielleicht gar nicht im Vordergrund. Im Vordergrund steht für mich eine Botschaft, die an alle gerichtet ist, die aber für jeden individuellen Menschen etwas anderes bedeutet: etwas zu feiern, das den Menschen Gutes und Frieden bringt.
Für die Gläubigen unter uns, richtet sich der Dank an Gott und seinen Sohn Jesus Christus, der den Menschen Erlösung bringen, der die Welt ein bisschen schöner machen soll. Aber wir müssen so eine Botschaft ja nicht wortwörtlich nehmen. Vielleicht singen wir das Weihnachtsoratorium in der heutigen Zeit, um uns daran zu erinnern, mal Platz zu machen für eine Dankbarkeit. Platz zu machen für kleine und große Wunder, für Aufmerksamkeit gegenüber Dingen, die einem selber das Leben lebenswert machen, Platz zu machen für einen Glauben an das Gute. Vielleicht besingen wir nicht die Geburt eines kleinen Kindes, sondern die Geburt einer Hoffnung, die Geburt einer neuen Idee, das Entstehen eines neuen Gedankens oder einen Neuanfang. Vielleicht feiern wir jedes Jahr aufs Neue, dass es etwas gibt, das uns leben lässt, das uns die Kraft gibt jeden Morgen aufzustehen, Aufgaben zu meistern, Probleme zu beseitigen und uns an den kleinen Dingen zu freuen. Dieses Etwas hat es verdient, mit einem majestätischen Stück, wie es das Weihnachtsoratorium ist, gefeiert zu werden. Ganz gleich, ob es Gottes Sohn, ein geliebter Mensch, eine kleine Geste, ein Sonnenstrahl im Gesicht oder der Blick aufs Meer ist.

Ein anderer Gedanke, der mir kommt, wenn ich mich frage, warum ich das Weihnachtsoratorium singe und warum ich es auch immer wieder gerne höre, ist folgender: Wie schon oben erwähnt, ist seit der Entstehung des Stückes sehr viel passiert. Man blickt auf die Geschichte und kann nur staunen über all die wissenschaftlichen Entdeckungen, den Fortschritt in der Technik, über neue psychologische Kenntnisse und auch über Entwicklungen in der Musik. All das konnte sich in den letzten 280 Jahren langsam entfalten. Doch liest man jetzt die Zeitung, schaut Nachrichten oder geht einfach nur zu Saturn oder Media Markt, dann hat man das Gefühl, als würde sich der Fortschritt in Höchstgeschwindigkeit fortbewegen. So schnell, wie etwas neues entsteht, kann man gar nicht hinterher kaufen, es kommt ohne Pause immer mehr und mehr dazu und manchmal fragt man sich doch, ob man sich in all dem Neuen nicht verliert... und ob nicht manchmal das Alte einen viel größeren Wert hat als alles Moderne.

Vielleicht ist es nötig, einmal im Jahr zu ruhen. Einmal im Jahr einer uralten Geschichte zu lauschen, einmal im Jahr zu tun, was schon lange getan wird, um sich daran zu erinnern, dass man ein Mensch ist. Dass es Dinge gibt, die Bestand haben, über hunderte von Jahren, dass man nicht noch mehr Geld für materielle Dinge ausgeben muss um glücklich zu sein, sondern dass es manchmal reicht, einem herrlichen Stück von Bach zuzuhören, auch wenn man das schon die letzten Jahre gemacht hat.

Bewahren wir also ein wunderschönes Stück Vergangenheit und lassen mit einem kleinen bisschen Fantasie für jeden etwas ganz Neues entstehen.

Schönberger Musiksommer im Oktober

Genau betrachtet ist der Schönberger Musiksommer ohnehin ein ganzjähriges Projekt. Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem nicht irgendein Mensch irgendetwas für ihn tut. Ohne Vorbereitung läuft nichts, und schon gar nicht in der Musik. Nun naht das letzte Konzert der 30. Spielzeit, auch für die Verantwortlichen ist das ein kleiner Moment des Innehaltens. „Credo“, „ich glaube / wir glauben“, war der innere Faden dieser nicht nur in seiner außergewöhnlichen Länge besonderen Saison. „Yes, we can“, mit diesem Wahlspruch ist Obama einst US-Präsident geworden. Wo stehen wir, wo gehen wir hin? – Rund um einen dreißigsten Geburtstag sind diese Fragen und Gedanken dazu präsent. Was hat uns getragen? Der Schönberger Musiksommer ist bei aller Vielfalt eine im Kern kirchenmusikalische Reihe. Seine Heimstatt, die St.-Laurentius-Kirche in Schönberg, beherbergt eine jahrhundertealte Kontinuität. Die Menschen, die sich heute hier versammeln, treten quasi in einen Raum, in dem nichts je Geschehenes einfach so vergessen werden könnte. In dem wir über Grenzen aller Art (an-)teilnehmen, stellen wir uns selbst in diese Sukzession. In dieser großen Gemeinschaft wird zum Bekenntnis, was ein jeder Mensch beiträgt: Credo!

Das Programm des Abschlusskonzertes bietet Gelegenheit, auf der Grundlage des alten christlichen Bekenntnisses verschiedene Sichtwiesen auf sich wirken zu lassen. Da ist die zeitgemäße Tonsprache Arvo Pärts, da ist das Ringen durch Weinen, Klagen, Sorgen und Zagen zur Gewissheit „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ in doppelter Ausfertigung: in barocker Manier durch Bachs relativ frühe Kantate und der Auseinandersetzung mit Bachs Musik zum Thema in expressiver Weise durch Franz Liszt. Dabei wusste Liszt schon folgendes: Bach wäre nicht Bach, wenn er seinen eigenen (frühen) Tönen nicht in der Reife seines Spätstils noch etwas hinzuzusetzen gewusst hätte. So wurde aus dem Baustein „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ ein zentraler Teil seines „Credo“ der Messe h-moll, und auch hier bleibt es nicht dabei, ein größerer Ausgang wird gewählt, denn dem „Crucifixus“ folgt das „Resurrexit“, dem Tod die Auferstehung.

Dies kann im Grunde ein jeder Mensch nachvollziehen, denn genau so ist das Leben. Doch am besten geht dies in der Musik. Und wir erfahren, egal, an welcher Stelle wir eines solchen Zyklus stehen: die anderen Elemente sind doch immer mit dabei. 

Schönberger Musiksommer im Herbstmonat Oktober, ein Abschluss, der wie ein Auftakt wirkt, ein Ausrufezeichen mit der Funktion eines Doppelpunktes.

CREDO - Abschlusskonzert des 30. Schönberger Musiksommers

Samstag, 1. Oktober 2016

20.00 Uhr, St.-Laurentius-Kirche Schönberg (Mecklenburg)

Marie Luise Werneburg (Sopran), Brita Rehsöft (Sopran), Sunniva Eliassen (Alt), Michael Schaffrath (Tenor), Clemens Heidrich (Bass)

Ratzeburger Domchor

Christoph D. Minke (Orgel)

Telemannisches Collegium Michaelstein


Dirigent: Christian Skobowsky

 

 

Programm 

Arvo Pärt (* 1935)
Credo (aus der Berliner Messe, Fassung für Chor und Orgel)

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen (Kantate für vier Stimmen, Oboe, Trompete, Streicher und Continuo, BWV 12)

Franz Liszt (1811-1886)
Variationen über den Basso Continuo des ersten Satzes der Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ und des Crucifixus der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach für Orgel

Johann Sebastian Bach
Credo aus der Messe h-Moll BWV 232 (Für fünf Stimmen, drei Trompeten, zwei Flöten, zwei Oboen, Streicher und Continuo)

DAS NÄCHSTE


Spielplan

Alle Konzerte im Blick!

Alle Konzerte und Tickets auf einen Blick

Tickets Zuhause Ausdrucken!

Zum Newsletter anmelden

Ab Jetzt
Immer
Informiert