Was uns bewegt - Schönberger Musiksommer; Foto: Heiko Preller

Menschen, Musik und Begegnungen


Kennen Sie unseren Kunstautomaten?

Kennen Sie unseren Kunstautomaten?

Seit einigen Monaten hängt in der Schönberger Kirche ein Kunstautomat. Ein hergerichter alter Zigarettenautomat versorgt den Nutzer nach Einwurf von 4 € mit einem Original-Kunstwerk in der Größe einer Zigarettenschachtel. Das Ganze hat Suchtpotential! Denn die kleinen, feinen und vielfältigen Werke sind überraschende Miniaturen. Unsere kleine Bilderreihe zeigt den Weg der Kunst von Kunstautomaten bis hin an die häusliche Bilderwand. 

Übrigens ist die Kunst aus dem Automaten auch ein schönes MItbringsel mit echtem Überraschungseffekt. 

"Ich entscheide mich immer als ganzer Mensch für den Moment und versuche diesen zu leben."

Heiko Preller
Martin Fehlandt und Dietrich Voss haben 1987 den Musiksommer erfunden, der Macher, der Planer, der, der die inhaltlichen Fäden zieht bist Du seit 1990. Du bist, wie man liest, Intendant des Musiksommers. Also die Leitung eines Projektes, das hier in der Gegend seinesgleichen sucht. Was bedeutet Dir heute nach 26 Jahren Deine Arbeit für dieses Projekt?

Christoph Minke
Ich hatte, als ich herkam nicht viel Zeit, ein Programm für die erste Spielzeit aufzustellen. Ich dachte mir, ohne Mittel für viel Werbung muss man einen einfachen Slogan haben: jeden Dienstag im Sommerquartal ist Konzert.
Im ersten Jahr konnte ich praktisch nur befreundete Musiker fragen, ob sie mal Zeit haben für ein Konzert.
Ich wollte dann aber auch schnell inhaltlich + programmatisch arbeiten. Mein Plan war von Anfang an das Spektrum der Musik aufzuführen. In der Kirche kennen wir das Blockflötenquartett, die Orgelmusik und die Chormusik, usw., aber was gibt es noch?
Wir haben vor Ort viele interessierte Menschen, verzeichnen aber auch durchaus einen touristischen Einschlag. Beides möchten wir im Blick behalten.
Wir haben viele, die sich an den Veranstaltungen als Helfer beteiligen. Es gibt Leute, die machen Fotos und Interviews, ohne dass man was dafür tun muß (lacht), es gibt Leute, die machen Kirchenwache während der von Annette Czerny organisierten Ausstellungen in der Kirche, um Präsenz zu zeigen und Ansprechpartner zu sein.
Oder es gibt Menschen, die Suppe kochen, wenn eine gebraucht wird zu den Veranstaltungen. Über den Chor regeln sich immer auch viele Quartier-Fragen, wenn für die Musiker Übernachtungen gebraucht werden.
Das muss so funktionieren, weil wir das nicht abgerechnet bekommen über die Fördermittel. Wir sind angehalten sparsam mit den Fördergeldern zu haushalten. Das machen wir natürlich auch. Unsere Arbeitsweise passt nicht immer in das Schema von öffentlichen Förderern. Für die sind wir wieder viel zu billig an der Stelle der Selbstorganisation.

H.P.
Ein wichtiger Bestandteil ist ja der Kirchenchor St. Laurentius Schönberg, den Du mit viel Hingabe leitest. Was werdet Ihr dieses Jahr Besonderes beitragen?

C. Minke
Die Fülle der Aufführungen und auch die inhaltlich unterschiedlichen Beiträge sind geradezu unmenschlich, sie zu bewältigen.
Einerseits haben wir ein Konzert vor dem Musiksommerbeginn eingeplant. Da war uns aber noch nicht klar, dass das große Luther-Reformations-Projekt in diesem Jahr stattfindet. Wir waren da im Wort, dieses Projekt mitzugestalten und mit zu verantworten. Es hatte sich verschoben und findet nun im selben Jahr wie unser 30-jähriges Jubiläum statt. Dann machen wir noch einen Ausflug nach Potsdam, um dort den „Sacred Service“ von David Schiff zu singen. Das wollte der Chor so. So kommt eins zum anderen.
Das Eröffnungskonzert sollte Christoph Biller leiten, der jetzt aber aus gesundheitlichen Gründen nicht konnte. Das musste ich jetzt selber leiten. Ein sehr ausgewachsenes Programm mit drei Stücken, die wir so noch nie gesungen haben. Und sie haben es in sich.
Gleich am nächsten Morgen, wie immer, fand der musikalische Gottesdienst statt. Mit schweren Chorwerken. Das ist von den Ausmaßen noch einmal wie ein ganzes Konzert. Wir mussten also an zwei Tagen hintereinander auf dem Punkt sein.

H.P.
Wie kommst Du bei der Programmzusammenstellung zu den unterschiedlichen Beiträgen? Beschäftigst Du Dich für das Jahr mit einer zusammenhängenden Idee, einem Motto, einem Rahmen, oder greifst Du auch auf Bestehendes um Dich herum zurück? Es sind ja schon sehr viele Kontakte gewachsen.
Wie entsteht das Programm genau?

C. Minke
Wir bekommen sehr viele Bewerbungen. Wenn man es sich leicht machen würde, würde man die Bewerbungen sammeln und danach das Programm zusammenstellen. Aber dann wird es schwierig ein Programm zu entwerfen, das Hand und Fuß hat.

H.P.
Offenbar hat sich der Schönberger Musiksommer auch einen guten Ruf erarbeitet, sonst würden sich ja nicht hochkarätige Musiker bewerben.

C. Minke
Wir machen wohl eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Letztlich sind wir aber eine kleine Kirchengemeinde. Da können wir auch nicht alles machen. Müssen auf die Kosten schauen. Und aber wie gesagt auch inhaltlich schauen.
Oft ergibt sich aus bestimmten Konstellationen auch schon von alleine ein Thema. Wenn zwei Konzerte zusammen einen Sinn ergeben, dann ziehen wir noch ein bisschen daran und finden vielleicht noch ein drittes Ensemble, und es wird langsam etwas daraus.

Dieses Mal haben wir z.B. so etwas wie einen „Bekenntnis-Charakter“. In vielen Konzerten geht es um ein Bekenntnis, welcher Art auch immer. Bekenntnis zur Heimat, Bekenntnis eines Glaubens, eine Standortbestimmung, Bekenntnis zum Ort Schönberg. Das macht den Schönberger Musiksommer aus, denn so ist er ja auch entstanden. Weil wir uns mit dem Statement Musiksommer zu diesem Ort bekennen.

H.P.

Wie funktioniert Deine persönliche innere musikalische Uhr? Du leitest den Chor, spielst Posaune, hast Engagements in anderen Gemeinden. Anders formuliert: was ist Deine innere Kraft, dass Du immer wieder in die Bütt steigst und weiter machst?

C. Minke

(Antwortet prompt, in die Frage hinein) Das ist für mich der Augenblick. Das ist auch gewissermaßen mein persönliches Bekenntnis: das Bekenntnis zum Augenblick im Hier und Jetzt. Es geht einfach nicht, dass man alles auf einmal präsent hat.  Ich kann nur insgesamt auf das Niveau schauen, aus dem ich schöpfen kann, und dann für den Moment entscheiden. Ich entscheide mich immer als ganzer Mensch für den Moment und versuche diesen zu leben und mit dem musikalisch gestalterischen Niveau zu füllen.

Der Musiker in mir geht ja auch mit ins Bett. Der ist nie weg. Was aber auch oft Nachteile haben kann. Ich höre z.B. kaum Musik.

H.P.
Weil Du es vor lauter musikalischen Aufgaben nicht schaffst?

C. Minke
Nein, weil es einfach zu viel Krach ist. Ich habe immer Musik im Kopf. Wenn ich dann noch Musik hören würde, würde sich das überlagern. Die Musik in mir geht nicht mehr aus. Und deshalb kann ich mir auch irgendwann mal ein Leben nach dem Musiksommer vorstellen. Irgendwann geht das ja auch an die Substanz, wenn es in einem immer so laut ist.
Was mich ordnet und klarer werden läßt, ist das Orgel üben. Da bin ich ganz für mich. Andere würden das, was da mit mir passiert, Meditation nennen. Manchmal gehe ich an das Instrument und schaue, was heute mit mir so passiert. Da geht es mir dann um den Flow, dass der Augenblick funktioniert, ich eben in das Hier und Jetzt finde. Ich übe dann nicht das Stück, das ich gerade spiele, sondern ich übe den Augenblick.
Das muss man als Musiker üben. Das geht auch nur, wenn man das täglich macht. Wie bei einem Leistungssportler. Die Abstände dieser Übungen dürfen nicht zu groß werden.

H.P.
Ist das somit ein fester Bestandteil Deines Schaffens?

C. Minke
Genau. Wenn ich dann von der Orgel zurück nach Hause komme, sollten mindestens anderthalb Stunden vergangen sein, um aus dem zu lernen, was da gerade mit mir passiert ist. Weniger Zeit ist nur, um das Niveau zu halten. Darüber lerne ich dazu und verdichte das, was ich erlebt habe.

H.P.
Tut mir leid, dass ich Dir neulich Deinen Flow zerstört habe, als ich den Testmitschnitt Deines Übungsvormittags gemacht habe, um die Kirche und die Orgel besser zu verstehen. (C.M. hatte mich gefragt, ob wir gemeinsam eine Orgel-CD aufnehmen könnten, da ich angehender Toningenieur bin und gerade viel klassische Werke aufnehme)

C. Minke
Tatsächlich ist das keine Idealsituation, um an der Orgel zu üben. Aber auch das muss man ja üben und lernen, wenn man solch ein Projekt machen möchte. Ich muss auch Störung üben. Wie gehe ich damit um, wie löse ich das für den Moment? Es muss auch mal mit knapper Zeit gehen. Bloß nicht starr werden, das ist ganz wichtig. Immer zur selben Zeit üben ist auch seltsam.
Wenn ich von der Orgel wieder komme, bin ich gleichzeitig erholt und völlig fertig.
Ich muss vormittags üben. Wenn im Laufe des Tages der Kopf erst einmal angefüllt ist mit tausend anderen Dingen, wird es schwierig, ans Instrument zu gehen. Mental schaffe ich das schon gar nicht mehr. Nichts stört so, wie Termine am Vormittag.

H.P.
Also lass es uns kurz machen. (wir haben uns an diesem Tag um 11:00 Uhr getroffen) 
Mal eine ganz andere Frage: welche Dinge kannst Du nicht leiden, wenn Du den Chor leitest?

C. Minke
Unzuverlässigkeit ärgert mich. Wenn sich Chormitglieder nicht ordentlich  abmelden. Zu bestimmten Terminen kommen immer dieselben Leute. Die sind völlig aufgelöst, wenn sie mal nicht können. Andere, die nie kommen, sagen nicht einmal, dass sie nicht kommen.
Pünktlichkeit ist für mich auch eine künstlerische Frage. Denn wenn sich in der ersten Stunde der Chorprobe der Chor alle drei Minuten ändert, dann ist das schwer auszuhalten als Chorleiter.
...

Heute muss der Leitfaden vor allem Motivation sein. Also nicht ein Ziel erzwingen, sondern ein Ziel aufzeigen. Ich will weg von einem Chor, der symbiotisch funktioniert. Auch wenn in dieser Symbiose eine Wissensübertragung möglich ist, die ohne diese Symbiose schwieriger zu bewerkstelligen ist. Umgekehrt ist ja ein Chorleiter zu sich selbst immer am strengsten. Das aber auf einen ganzen Chor zu übertragen, ist praktisch ein Übergriff. Und deshalb geht das einfach nicht.
Ich habe mit mir schwer gerungen, die Arbeitsweise zu ändern. Und manche im Chor finden das auch gar nicht gut. Leute, die aus anderen Chören in unseren Chor kommen, haben damit oftmals ein Problem. Die sind gewohnt zu sagen: gehe da lang, mach richtig, sei still und mach das einfach, was ich sage. Das aber halte ich vom Ansatz inzwischen für problematisch. Der Preis, den man aber dafür zahlt, wenn man darauf verzichtet, ist, dass die akuten Schwierigkeiten eher mehr werden.

H.P.
Versuchst Du dann wieder einen Schwenk zurück zu machen um wieder Ordnung in den Laden zu bringen, wenn es anders nicht geht?

C. Minke
Nein. Ich versuche eben das gerade nicht zu machen.
Das alte Konzept wäre, man wird lauter, wenn es lauter wird. Das neue Konzept ist, man wird leiser, wenn es lauter wird.

H.P.
Was ja eigentlich auch der Erfahrung beim Musik machen entspricht: wenn leiser musiziert wird, nimmt die Konzentration zu.

C. Minke
Genau. Aber ich habe in dieser Hinsicht noch viel zu lernen.

H.P.
Jeder persönlich hat ja auch noch seine eigene Klaviatur der Befindlichkeiten, oder ein persönliches Bild von einem Chorleiter, wie der zu sein hat.

C. Minke
Ja, natürlich. Ich zum Beispiel bin ein Zappelphilipp. Das finden einige schwer zu ertragen. Ich weiß nicht, ob die Chorproben besser würden, wenn ich Ritalin (ein Beruhigungsmittel) einnehmen würde. Aber das kann ich mir jetzt auch nicht vorstellen. In jedem Fall würde meine Wahrhaftigkeit verloren gehen. Der authentische Minke ist nun mal der Zappelphilipp, wer den nicht mag, der hat eben Pech gehabt. Übrigens: Ich mag ihn auch manchmal nicht.

H.P.
Ich möchte noch mal auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen. Wenn man den Musiksommer mal als Ganzes nimmt, so liegt über allem immer auch der Schatten des Geldes.

C. Minke
Oh ja.

H.P.
Reicht das Geld?

C. Minke
Nö.

H.P.
Musiker sind zu bezahlen, Helfer und in verschiedensten Rollen Mitmachende wären zu bezahlen, damit außer einem warmen „Dankeschön“ etwas mehr Wertschätzung der vielen unentgeltlichen Arbeit über das Geld möglich wäre. Was bräuchte der Musiksommer an finanzieller Zuwendung, damit es ihm richtig gut geht?

C.Minke
Wahrscheinlich kann man den gar nicht so richtig erfüllen, diesen Wunsch, genügend Geld zu haben. Wenn wir unseren Stiftungsfond verdoppeln könnten, dann wäre die ganze Sache schon viel einfacher. Um viele Förderungen kümmern wir uns auch aus politischen Gründen. So ist eine Landesförderung ein politisches Statement. Und genau darauf wollen wir natürlich nicht verzichten. Und es ist ja auch ein gegenseitiges Bekenntnis.
Die Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk ist da sehr unkompliziert. Da funktioniert das ganze Antragswesen, und die Abrechnung ist sehr nah am Leben. Da ist der NDR wirklich vorbildlich. Dieses Formular zur Beantragung von Fördergeldern, ist eine Exeltabelle, die sich am Ende selber ausrechnet. Da sind auch Posten aufgeführt, an die hat man zunächst gar nicht gedacht. Das Formular ist so gut, dass wir das auch für unsere generelle Planung des Musiksommers gut gebrauchen können. Es ist für uns ein richtiges Arbeitsinstrument geworden, weil es einfach alles berücksichtigt.

H.P.
Bist Du vor Beginn des Musiksommers angespannt?

C. Minke
Dafür ist dieses Jahr einfach zu viel los. Da kann ich mir das nicht leisten. Es muss jetzt alles nacheinander kommen, dann ist alles gut.

H.P.
Ist die Eröffnungsveranstaltung ein besonderer Moment für Dich?

C. Minke
Leider ist das oft der Moment, wo es schlicht und einfach darauf ankommt, zu funktionieren. Die Probe den ganzen Tag und dann der Durchlauf des eigentlichen Konzertes, an einem Tag, das macht sonst niemand. Das ist schon eine sehr hohe Belastung. Am nächsten Morgen sind das Fernsehen und der Ministerpräsident vor Ort, all das, da muss man eben einfach funktionieren.

H.P.
Aber es ist ja auch toll, dass die Presse kommt.

C. Minke
Aber natürlich. Man kennt ja die Kollegen schon, man weiß ja auch, was man voneinander will. Auch das gehört zum Professionellen dazu, dass man das auch weiß. Wir werden hier nicht in die Pfanne gehauen. Und umgekehrt sind wir dafür ja auch hundertprozentig präsent.

H.P.
Kannst Du sagen wann die erste große Anspannung nachlässt, oder geht das bis zum Ende des Musiksommers so weiter?

C. Minke
Nein nein, da gibt es schon auch ein paar Löcher zum Luft holen. Ich hoffe das jedenfalls (lacht).
Klar, der Monat geht schon so weiter mit dieser hohen Konzentration. Es kommen die Konzerte. Auch die, die ich eben selber noch gestalte. Es gibt noch das Chorfest in Lübeck, da bin ich auch als Akteur präsent. Das ist Mitte Juli. Dazu kommen auswärtige Orgelkonzerte die ich gebe. Im August kommen knapp zwei Wochen, die ich dann mal frei habe.

H.P.
Hast Du für nächstes Jahr schon Ideen und Visionen?

C. Minke
Ich glaube, Karsten Lessing und ich würden uns gerne nach diesem Sommer in eine Art Konsolidierungsphase begeben. Nach einigen Jahren muss man sich einiges mal genauer anschauen. Wie haben unsere veränderten Werbemaßnahmen gegriffen in den letzten drei Jahren? Das Thema wird sein, wie kommen wir auch wieder ein Stück zu den eigentlichen Wurzeln zurück?
Für den Chor möchte ich ein Programm machen, das ihm nicht so viel Neues abverlangt. Da möchte ich ansetzen und eher die Qualität ausbauen.
Es gibt bereits bestimmte kirchliche Feiertage, zu denen wir auch schon ein festes Repertoire haben. Dieses wird nur langsam verändert und angepasst. So ähnlich ist das auch mit der chorsinfonischen Literatur. Ich würde mir mal die letzten 20 Jahre anschauen und Schwerpunkte setzen. Insgesamt wird die nächste Zeit mit dem Chor etwas weniger Experiment. Wir müssen alles etwas ruhiger kriegen, weil es sonst für mich nicht zu schaffen ist.
Weitere Baustellen sind die Kinder und Jugendkonzerte. Die haben wir in ein neues Format gebracht. Da müssen wir noch einmal genau schauen, gehen die so in der Form weiter, oder müssen die noch verändert werden.
Und ich würde den Musiksommer auch wieder etwas straffen. Etwas später anfangen, damit wir mehr Vorbereitungszeit haben. Und wir sollten auch wieder etwas früher aufhören. Es ist immer ein Glücksspiel, ob wir tatsächlich im Oktober noch in der Kirche sein können, oder ob schon die Kälte hereinbricht. Man muss nicht immer ein Programm haben, das nur mit der Witterung klappt, das ist anstrengend.

H.P.
Lieber Christoph, was müsse passieren, damit Du sagen kannst: Dieser 30. Musiksommer war ein wert- und gehaltvolles Jubiläum?

C. Minke
Ich bin ehrlich: Ich hänge nicht so furchtbar an der runden Zahl. Es soll eine anständige Spielzeit werden, dann ist es auch ein würdiges Jahr. Und wenn es das dann wird, dann ist so ein Musiksommer auch der runden Zahl 30 würdig.

H.P.
Feiert ihr trotzdem auch ein bisschen?

C. Minke
Nein. Die Musik ist die Feier. Mehr als mit Musik kann man die Musik nicht feiern. Die Sache selber ist ja die Feier. So eine Feier gehört wenn, dann in das nächste Jahr. Wenn wir dafür die Ruhe haben. (lacht) Es ist jetzt erst das dreißigste Lebensjahr. Und dies ist ja noch nicht abgeschlossen.
Vielleicht kann dann auch die außensommerliche Musikzeit mehr aufblühen. Wir hatten dieses Jahr zum Beispiel keine große Passionsaufführung. Wir hatten nur die Andacht zur Sterbestunde Jesu musikalisch gestaltet. Das haben wir zwar sehr reichhaltig gestaltet, aber trotzdem wünsche ich mir im laufenden Kirchenjahr wieder mehr solche Momente. Und genau auch das spricht für eine kürzere Sommer-Spielzeit. Sonst geht alles so ineinander über und man weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist. 

H.P.
Hast Du Projekte, die Du in Zukunft unbedingt noch verwirklichen möchtest, Projekte, die durch Dein Schaffen persönlich motiviert sind? Als Musiker und vielleicht auch noch mal geschaut als Gemeindemitglied und Kantor?

C. Minke
Wir haben schon viele Dinge gemacht. Mir liegt am Herzen, daß wir mit dem Chor auch mal wieder die h-Moll-Messe von Bach singen können, wie wir das auch schon mehrfach getan haben. Vielleicht singen wir auch mal wieder die Matthäuspassion. Es gibt sonst auch ein paar Stücke aus den letzten Jahren, bei denen ich neu schauen möchte. Zum Beispiel haben wir mal das Paul-Gerhard Oratorium von Thilo von Westernhagen uraufgeführt, das ist seitdem nie wieder gespielt worden.
Aber mein ganz alter Traum von mir wäre immer noch Beethovens Neunte auf dem Markt aufzuführen.

H.P.
Und was hindert Dich genau das zu tun?

C. Minke
Wer in Mecklenburg-Vorpommern in der Nähe der Ostseeküste ein Open Air ansetzt und dann schlecht schläft, ist selbst schuld. Denn das ist richtig teuer, wenn es schiefgeht. Das versichert ja auch niemand. Das ist das Problem. Wenn man z.B. von Händel die Wassermusik spielt, da kann man zur Not in die Kirche gehen. Aber mit Beethovens Neunter eben nicht. Das hindert mich ganz einfach daran. Gut, man könnte dann vielleicht in die Palmberghalle gehen.
Man müsste verschiedene Chöre hinzunehmen, die das Stück vielleicht schon drauf haben. Da würde ich mal in Richtung Leipzig oder Potsdam meine Kontakte mobilisieren. Dazu gehört noch ein vernünftiges Orchester mit einer fetten Besetzung. Das würde sich auch finden. Aber es bleibt das Problem: was macht man, wenn es ausfallen muss? Man muss die Leute ja trotzdem bezahlen.
Man müsste sicher auch den Platz sperren. Also: das wär schon ein tolles Event.

H.P.
Und wenn Dich unser Bürgermeister darum bitten würde?

C. Minke
Ja, das kann nur eine solche konzertierte Aktion sein, das kann man nicht alleine machen. Ich wüsste auch nicht, wer so eine Veranstaltung hier in Mecklenburg-Vorpommern schon mal gemacht hat. Wenn dann sicher im Saal, ja, aber im Freien… - Ich kenne aus Potsdam von den Parkfestspielen diese besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn man Musik auf diese Weise in das Volk trägt.
Ich habe mich mit Beethoven gar nicht so viel beschäftigt. Das Menschenbild, das von Beethoven vermittelt wird, kommt in der Kirche zu kurz. Wir haben das Barocke und die Romantik. Das alles ist immer eher jenseitig orientiert. Aber der aufgeklärte Mensch, der vielleicht befähigt durch die Gnade Gottes in der Lage ist, sein Leben selbst zu gestalten, ist ein Thema, das wir heute dringend brauchen.

H.P.
Du hast es doch auch als Kirchenmusikdirektor in der Hand, diese Impulse zu geben.

C. Minke
Na klar, das tue ich ja auch. Ich sage ja auch zu Thilo von Westernhagen, spiel einen Beethoven-Abend. Ich sage das den Musikern schon auch. Wenn Beethoven dabei ist im Konzert, bitte, sehr gerne. Früher habe ich selbst auch Beethoven-Sonaten gespielt.

H.P.
Was aber wäre Dein Projekt als Privatmann Christoph Minke? Ohne das Kostüm des Kirchenmusikdirektors?

C. Minke
Das ist ein altes Problem, dass die eigenen Projekte gerne in der Vielfalt des Machens untergehen. Ich stecke selber oft zurück, das ist einfach so. Das würde ich auch tatsächlich gerne ändern.
Auf der Orgel aber mache ich genau das zum großen Teil. Da verwirkliche ich die Dinge, die mich interessieren. All die Jahre habe ich versucht auch immer einen bestimmten Bach-Zyklus unterzubringen. Das wird sicherlich im nächsten Jahr mehr werden. Die letzten Jahre habe ich die Kunst der Fuge gespielt, den dritten Teil der Klavierübung, die Bachmotetten dirigiert und die dann verbunden mit Musik von anderen Komponisten, die musikalisch in einer Beziehung dazu stehen. Das macht mir einfach besonderen Spaß. Immer dann, wenn Dinge zusammen gebracht werden. Leibhaftig die Leute oder aber auch die verschiedenen musikalischen Stile, das macht mir immer besonderen Spaß.

H.P.
Gibt es vielleicht auch besondere Orte, an denen Du noch einmal Musik machen möchtest?

C. Minke
Es gibt Orte, an denen ich noch einmal mit dem Chor singen möchte, eher aber, um dem Chor diese Orte zu zeigen und ihnen nahe zu bringen, wie schön es da ist. Das kann eine verträumte Dorfkirche sein oder auch ein größerer Ort, der interssant ist.

Und als Organist gibt es Orte, an denen ich gerne mal die Orgel spielen würde, da habe ich so eine kleine Liste. Aber ich komme einfach zu wenig dazu. Z.B. habe ich mir die neue Orgel in Bardowick noch nicht angeschaut. Die steht schon 5 Jahre, ich habe es bisher einfach nicht geschafft. Vielleicht ist das mal was für eine andere Lebensphase. In Trondheim möchte ich gern die Wagner-Orgel spielen. In Naumburg die Wenzelskirchenorgel, die würde ich mir auch gerne mal anschauen. Mir geht es auch nicht um ein Konzert an den Orten. Ich hätte einfach gerne mal Zeit, mich an diese Orgeln zu setzen.
Ich bin auch immer wieder gerne in Barth, da steht eine der besten Orgeln, die es meiner Meinung nach überhaupt gibt. Manches auf meiner Liste ist gar nicht immer so spektakulär. Die Dinge interessieren mich meist aus irgendeinem persönlichen Grund. Ich würde gerne mal eine Tour durch das Alte Land machen. Hier gibt es viele alte Orgeln von Schnitger und dessen Schülern. So eine Tour würde ich gerne mal mit einem Freund machen. Aber ich habe einfach keine Zeit dazu.

H.P.
Ist es ein Naturgesetz, dass Schaffende immer gehetzt sind durch ihr eigenes Tun? Immer auch in dem Bewusstsein, nie fertig zu sein oder zu werden?

C. Minke
Das ist doch ein gutes Gefühl. Dass man nie fertig wird, ist doch super. Sonst würde einem langweilig. Mich stresst das auch nicht. Einige meiner Träume sind schon 20 Jahre alt. Dass ich sie mir bisher nicht erfüllt habe, davon bin ich nicht gestorben. Das ist auch alles nicht so schlimm.

H.P.
Vielen Dank Christoph Minke.

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